Geschichte

Zur Geschichte von Schabbat Jachdav

Der egalitäre Gottesdienst in der ICZ wird geboren. Etwa im Jahr 1995 war der Wunsch eines 11-jährigen Mädchens vor der Bat-Mizwa: «Ich will auch aus der Thora vorlesen, so wie die Buben!». Das war jedoch innerhalb der ICZ unmöglich, in vielen Gemeinden auf der ganzen Welt aber normal. Eine kleine Gruppe von ICZ-Mitgliedern wollte dies auch bei uns ermöglichen und überhaupt Frauen in den Gottesdienst einbeziehen. Mit Durchhaltewillen und einigen Gesprächen mit dem Rabbinat wurde dieser Wunsch umgesetzt, auch Dank dem damaligen Gemeinderabbiner Zalman Kossowsky sowie dem damaligen Synagogenkommissionspräsident. Wobei das Rabbinat sich gleichzeitig auch klar distanzierte und nichts mit den Aktivitäten zu tun hatte (und hat). Nach einer ersten erfolgreichen Probe – Tfilat Mincha an Jom Kippur im Jahr 1999 – war der «Chug Schabbat Acheret» im Jahr 2000 dann offiziell geboren. Im Zentrum des neu gestalteten egalitären und partizipativen Gottesdienstes stand von Anfang an die aktive Beteiligung der Anwesenden und die Freiheit aller, unabhängig von Geschlecht, gleichberechtigt am Gottesdienst mitzuwirken – vom Vorbeten über die Thoravorlesung zum Dwar Torah, und natürlich für die Bnot und Bnei Mitzwah (Mädchen wie Buben)!

Nun machte der Chug Schabbat Acheret klare Schritte von der ideellen zur gelebten Gleichberechtigung. Die Frauen wurden deutlich wahrnehmbarer. Eine Schlüsselerfahrung war das Leinen der prominenten orthodoxen Rabbinerin Eveline Goodman-Thau aus Berlin bei uns. Auf die Mechiza – getrenntes Sitzen mit physischer Unterteilung – wurde verzichtet. Über die Zeit hinweg hat sich das Sitzen in drei Gruppen durchgesetzt: links Frauen, rechts Männer, in der Mitte alle (also sozusagen eine «Tri-Chitza»). Nach einigen Jahren wurde uns auch ein Budgetposten im Budget der ICZ zugesprochen. Auf der Welt gab es bereits einige egalitäre Minjanim in verschiedenen Gemeinden, die sich an die traditionelle orthodoxe Struktur halten. Der Chug Schabbat Acheret sah sich als Teil dieser Bewegung und knüpfte auch Verbindungen. Zum Beispiel reiste einmal eine Gruppe nach London in die New North London Synagogue, um Gespräche mit verschiedenen Rabbinern, wie zum Beispiel Rav Chaim Weiner, zu führen. Die Selbstverständlichkeit des Egalitarismus inspirierte stark. Diese Reise unterstützte uns dabei, die Entwicklung unserer Aktivitäten und Ideen weiter voranzutreiben.

«Schabbat Acheret» wird zu «Schabbat Jachdav»

Das gemeinsame spirituelle Erleben stand und steht bei uns weiterhin im Zentrum. Dies war mit ein Grund, warum wir uns 2012 einen neuen Namen gegeben haben, der dies besser zum Ausdruck bringt: «Schabbat Jachdav». Wir leiten unseren Gottesdienst zusammen und entwickeln ihn gemeinsam weiter.

Wir führen nun seit bald 30 Jahren regelmässige Gottesdienste innerhalb der ICZ durch und haben manchen Mädchen und Buben ermöglicht, ihre Bat- beziehungsweise Bar Mitzwa in einem egalitären Gottesdienst zu feiern. Unsere Gruppe bildet einen nicht mehr zu übersehenden Teil der Gemeinde, die Mitglieder sind in den verschiedenen Gremien der ICZ stets aktiv engagiert.

In den letzten Jahren konnte die Gründergeneration, welche die Aktivitäten über eine Zeit von über 20 Jahren organsierte, die Verantwortung in jüngere Hände übergeben. Unter diesen sind auch einige junge Familien mit Kindern, die den Gottesdienst mit Spiel und Tun bereichern. Ende 2024 war die älteste Teilnehmerin über 90, die jüngste Teilnehmerin knapp drei Wochen alt. Erstere imponiert immer wieder mit ihren tiefgründigen Diwrei Torah, aber auch die Kleineren bringen reizende Momente in den Gottesdienst, etwa wenn ein kleines Kind beim Papi oder Mami beim Vordawenen dabei sein möchte, oder wenn eine Gruppe von Mädchen und Buben das Anim Zemirot vorträgt. Da Kinder nicht immer nur bei den Erwachsenen sitzen möchten, gibt es jeweils auch genügend Möglichkeiten, sich mit Spiel zu vergnügen und mit Snacks zu geniessen. Nach dem Gottesdienst möchten dann aber auch die Erwachsenen verpflegt werden. Darum stehen am anschliessenden Kiddusch nun jeweils sowohl ein kleiner Kindertisch wie auch ein grösserer für die Grossen da. Diese Entwicklung macht allen grosse Freude.

Auf noch viele solche gemeinsamen Jahre!
Samuel Rom/November 2024 – bearbeitet